»Ein Bote kommt, der Heil verheißt« (GL 528)

Wor­te: Peter Ger­loff (2010); Melo­die: Wit­ten­berg 1529

Lied des Monats zum Mai

Lied­por­trait von Mein­rad Wal­ter 

Nach weni­gen Wor­ten klingt das Geheim­nis an, um das es in die­sem Lied geht: „… (der) nie Gehör­tes kün­det“. Gemeint ist die „Ver­kün­di­gung des Herrn“. Das bibli­sche Zeug­nis steht im Luka­sevan­ge­li­um, Kapi­tel 1,26–38. Der „Bote“, den wir aus vie­len bild­haf­ten Dar­stel­lun­gen des Mari­en­le­bens ken­nen, ist der Engel Gabri­el.

Die drei Stro­phen von Peter Ger­loff (geb. 1957), der in den letz­ten Jahr­zehn­ten zahl­rei­che Lie­der ver­fasst hat, sind eine musi­ka­li­sche Bild­be­trach­tung. Gemalt ist die bibli­sche Sze­ne, wie der vom Him­mel her­ab­schwe­ben­de Engel das in der Hei­li­gen Schrift lesen­de Mäd­chen Maria über­rascht. In Rai­ner Maria Ril­kes berühm­tem Gedicht zu Mariä Ver­kün­di­gung erschre­cken sie bei­de, Maria und der Engel.

Was sehen die Sin­gen­den? Zunächst rich­tet der Blick sich auf den himm­li­schen Boten mit­samt sei­ner Ver­hei­ßung „Du wirst einen Sohn gebä­ren“, dann auf den Hei­li­gen Geist, der auf Bil­dern zu die­sem Fest oft­mals ganz oben im Sinn­bild der Tau­be zu sehen ist. Kei­nes­wegs neben­säch­lich ist die For­mu­lie­rung „in der Welt“. Got­tes Bot­schaft senkt sich gleich­sam in die Welt ein. Um alle Men­schen zu erlö­sen, kommt ein beson­de­rer Mensch in den Blick: Maria. Sie hört die Bot­schaft und ihr wich­tigs­tes Wort ist die Ant­wort „Ja“, mir gesche­he nach dei­nem Wort.

Die zwei­te Stro­phe wei­tet den Blick, zieht den Betrach­ter gleich­sam in das Bild hin­ein: „Das hel­le Licht der Ewig­keit trifft uns­re Dun­kel­hei­ten“. Gegen­sät­ze wer­den offen­bar. Ja, sie wer­den mit­ein­an­der ver­söhnt: Licht und Dun­kel, Augen­blick und Ewig­keit, Leben und Tod. Die Mensch­wer­dung Got­tes in sei­nem Sohn Jesus Chris­tus fasst Peter Ger­loff in die For­mu­lie­rung „Gott teilt mit uns ein Men­schen­los“. Hier wird deut­lich, dass das gan­ze Lied im Prä­sens steht. Die Erin­ne­rung macht das Gesche­hen prä­sent in der lit­ur­gi­schen Gleich­zei­tig­keit des „Heu­te“, wie wir es auch von Weih­nach­ten ken­nen: „Hodie Chris­tus natus est“. Der „Angel­punkt der Zei­ten“ ist eine Anspie­lung auf die christ­li­che Zeit­rech­nung.

Die drit­te Stro­phe fokus­siert Maria. Die Sin­gen­den spre­chen sie nun direkt an, neh­men sie beim Wort: „Maria, du hast Ja gesagt“. Auf ihr Ja hin hat sie den Sohn emp­fan­gen. Nun wird das Bild, das wir sin­gend betrach­ten, fast zu einem Spie­gel. Kön­nen wir uns in die­ser Frau erken­nen, ihr Ja mit- und nach­spre­chen? Mit Wor­ten, die der gro­ße Lie­der­dich­ter Paul Ger­hardt for­mu­liert hat: „Wie soll ich dich emp­fan­gen und wie begegn ich dir?“ Die Ant­wort heißt: Wir kön­nen es, wenn wir der Lie­be Got­tes Raum geben.

Drei Facet­ten der Mensch­wer­dung Got­tes kennt die Theo­lo­gie: ers­tens sei­ne ewi­ge Geburt in Gott selbst, als Geheim­nis der Tri­ni­tät, zwei­tens sei­ne zeit­li­che Geburt in Bet­le­hem, die mit der Ver­kün­di­gung sozu­sa­gen ein­ge­läu­tet wird und drit­tens die Got­tes­ge­burt in der Men­schen­see­le, wie sie uns in mys­ti­schen Zeug­nis­sen und vie­len Lied­stro­phen begeg­net. Alle drei Aspek­te klin­gen in die­sem Lied zur Ver­kün­di­gung des Herrn an. Die Engels­bot­schaft an Maria ist sozu­sa­gen der zeit­li­che Grund­ton. Wie Ober­tö­ne hören wir von Got­tes ewi­gem Rat­schluss, sein Licht in die mensch­li­chen Dun­kel­hei­ten strah­len zu las­sen (Stro­phe 2) – und von der mensch­lich-gegen­wär­ti­gen Hoff­nung, Got­tes Sohn im eige­nen Her­zen zu „fas­sen“. Noch­mals klingt Paul Ger­hardt an mit sei­nem Lied „Ich steh an dei­ner Krip­pe hier“ und des­sen inni­ger Bit­te in der letz­ten Stro­phe „Ich sehe dich mit Freu­de an, … dass ich dich möch­te fas­sen“ (Got­tes­lob 245,3).

Die Melo­die ist eng mit der Früh­ge­schich­te refor­ma­to­ri­schen Sin­gens ver­bun­den. Sie begeg­net uns im Klug­schen Gesang­buch (1529/1533) und dann auch im Babst­schen Gesang­buch (1545), und zwar jeweils mit dem Lied „Nun freut euch, lie­ben Chris­ten g‘mein“. Viel­leicht stammt nicht nur die­ser Lied­text, son­dern auch die Melo­die von Mar­tin Luther. Das Fort­schrei­ten in fast medi­ta­ti­ver Ruhe hat die­se Melo­die so beliebt gemacht, dass sie im Lau­fe der Jahr­hun­der­te mit Dut­zen­den von Lie­dern ver­knüpft wur­de. In Johann Sebas­ti­an Bachs Weih­nachts­ora­to­ri­um etwa hören wir sie mit der schon erwähn­ten Stro­phe „Ich steh an dei­ner Krip­pen hier“.

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