»Fürwahr, er trug unsre Krankheit« (GL 292)

Wor­te: Eugen Eckert [1986] 1987; Musik: aus Chi­le

Lied des Monats zur Pas­si­ons­zeit

Lied­por­trait von Mein­rad Wal­ter

Lei­den, Ster­ben und Auf­er­ste­hung des Got­tes­soh­nes, das sind klang­vol­le The­men der Kir­chen­mu­sik. Die­ses vor etwa 30 Jah­ren ent­stan­de­ne Lied reiht sich ein in die Tra­di­ti­on pro­tes­tan­ti­scher Pas­si­ons­lie­der. Im Mit­tel­punkt steht aber nicht die neu­tes­ta­ment­li­che Lei­dens­ge­schich­te, son­dern das vier­te Lied vom Got­tes­knecht aus dem alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­ten­buch Jesa­ja (Kapi­tel 52,13–53,12).

Die Jesa­ja­wor­te vom lei­den­den Got­tes­knecht sind neben Psalm 22 mit sei­nem von Jesus am Kreuz auf­ge­nom­me­nen Schrei „Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?“ beson­ders ein­drück­li­che Pas­si­ons­ver­se aus der hebräi­schen Bibel. Dun­kel bleibt letzt­lich, wer die­ser „Knecht Got­tes“ ist: eine Ein­zel­ge­stalt, oder kol­lek­tiv das Volk Isra­el? Ein­zig­ar­tig im Alten Tes­ta­ment ist über­dies, dass der Got­tes­knecht stell­ver­tre­tend für ande­re lei­det, was in das Bekennt­nis mün­det: „durch sei­ne Wun­den sind wir geheilt“.

All dies hat es den Chris­ten erleich­tert, ihren Mes­si­as Jesus Chris­tus mit dem lei­den­den Got­tes­knecht zu iden­ti­fi­zie­ren. Des­halb hören wir das vier­te Got­tes­knechts­lied in der Lit­ur­gie vom Lei­den und Ster­ben des Herrn am Kar­frei­tag. Zahl­reich sind zudem die Ver­to­nun­gen in der pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen­mu­sik, etwa von Georg Fried­rich Hän­del im Pas­si­ons­teil sei­nes Ora­to­ri­ums über den „Mes­si­as“ sowie in zahl­rei­chen Motet­ten mit dem Titel „Für­wahr, er trug unse­re Krank­heit“, etwa von Mel­chi­or Franck (1636) oder von Hugo Dist­ler (1941).

Eugen Eckert, geb. 1954, war zunächst Sozi­al­ar­bei­ter in sei­ner Hei­mat­stadt Frank­furt, dann evan­ge­li­scher Pfar­rer in Offen­bach und Stu­den­ten­seel­sor­ger an der Johann-Wolf­gang-Goe­the-Uni­ver­si­tät. Seit 2007 ist er über­dies Sta­di­on­pfar­rer der Frank­fur­ter Com­merz­bank-Are­na. Aus sei­ner Feder stam­men die Tex­te zu etli­chen kir­chen­mu­si­ka­li­schen Wer­ken, sowie mehr als tau­send Lie­der. Dar­un­ter sind „Mei­ne engen Gren­zen“ und „Wäre Gesan­ges voll unser Mund“.

Im drei­s­tro­phi­gen Lied „Für­wahr, er trug uns­re Krank­heit“ greift Eckert Moti­ve des vier­ten Got­tes­knechts­lie­des auf. Das „für uns“ (pro nobis) steht als Kehr­vers am Anfang jeder Stro­phe. Dann ent­fal­tet sich eine poe­tisch-musi­ka­li­sche Skiz­ze der Pas­si­on aus alt- und neu­tes­ta­ment­li­chen Stri­chen. Stro­phe 1 führt bis zur Dor­nen­krö­nung, die zwei­te dann bis zum Lan­zen­stich in die Sei­te des Gekreu­zig­ten. Bei­de Stro­phen mün­den in das Pas­si­ons­bild vom unschul­di­gen Lamm (Jesa­ja 53,7 und Johan­nes 1,29) als Sinn­bild nicht nur für den lie­ben­den Men­schen, son­dern für den „lie­ben­den Gott“ (Stro­phe 1 und 3).

Am Ende der mitt­le­ren Stro­phe nennt das Lied ihn den „gekreu­zig­ten Gott“. Im Hin­ter­grund steht hier ein bei dem jüdi­schen Schrift­stel­ler und KZ-Über­le­ben­den Elie Wie­sel über­lie­fer­tes Zeug­nis. Der Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger berich­tet von der qual­vol­len Hin­rich­tung eines Kin­des im KZ Buna und von der bedrän­gen­den Fra­ge „Wo ist Gott?“ Wie­sels Ant­wort, die er als inne­re Stim­me gehört hat, heißt: „Dort, dort hängt er, am Gal­gen …“ – der gekreu­zig­te Gott.

Die drit­te Stro­phe ergänzt die vori­gen um den Aspekt der per­sön­li­chen Aneig­nung. Die unge­wohn­te For­mu­lie­rung „er steht auf zur Sei­te der Armen, der Klei­nen“ ist eine theo-poe­ti­sche Mix­tur aus „er steht auf, da Gott ihn auf­er­weckt hat“ und „er steht fest an der Sei­te der Bedräng­ten“. Auf­er­ste­hung und Soli­da­ri­tät gehö­ren zusam­men! Eugen Eckert bezieht sich mit dem Wort „er steht auf“ auch auf latein­ame­ri­ka­ni­sche Beer­di­gungs­ri­tua­le, auf die ihn die Theo­lo­gin Doro­thee Söl­le hin­ge­wie­sen hat.

Die Melo­die mit einem wei­ten Ambi­tus stammt aus Chi­le. Der ers­te Teil ist von einem fan­fa­ren­haf­ten Ton­lei­ter­mo­tiv geprägt, das gleich in den Anfangs­tak­ten eine Oktav durch­misst. In Takt 9 setzt ein neu­er Rhyth­mus ein, und am Ende bricht die Wie­der­ho­lung der letz­ten Tak­te aus dem peri­odi­schen Sche­ma aus. Vor allem aber wird der melo­di­sche Umfang von Zei­le zu Zei­le gerin­ger, wie eine Beru­hi­gung. Die poe­ti­sche Struk­tur zeich­net in den Schluss­tak­ten den theo­lo­gi­schen Gehalt prä­zi­se nach. Am Anfang steht „der lie­ben­de Gott“ (Stro­phe 1), der aus Lie­be sei­nen Sohn dahin­gibt am Kreuz: „der gekreu­zig­te Gott“ (Stro­phe 2). So beglau­bigt Gott sei­ne Lie­be, die in sei­nen Jün­ge­rin­nen und Jün­gern wei­ter­lebt, wenn auch sie als Geheil­te und Erlös­te Zeug­nis geben vom „lie­ben­den Gott“ (Stro­phe 3).

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