»Herr, dich loben die Geschöpfe« (GL 466)

Worte: Franz von Assisi, Sonnengesang 1225/Kurt Rose 1991/1992; Musik: GGB 2010 nach Friedrich Filitz 1847

Lied des Monats für Oktober 2013

Der Sonnengesang

Liedportrait von Meinrad Walter

Was wir hier singen, ist eines der berühmtesten Gebete des Christentums. Ursprünglich waren die Worte auf umbrisch verfasst und in altitalienischer Sprache niedergeschrieben, um das Jahr 1225. Den Sonnengesang hat der Gründer des Franziskanerordens in seinen letzten Lebensjahren formuliert, und zwar als die poetische Quintessenz seines Glaubens und Lebens. Das berühmteste Gedicht des heiligen Franziskus als komponiertes Gebet in fünf Strophen ergibt insgesamt einen stimmigen Spannungsbogen.

Und die Melodie? Sie könnte manchen bekannt vorkommen aus dem Bereich der anglikanischen Kirchenmusik. Im Internet findet man eindrucksvolle Hörbeispiele unter dem Stichwort „Lead uns, heavenly father“. Sogar bei Trauungsfeierlichkeiten von britischen „Royals“ in der Westminster Abbey ist die schwungvolle Melodie schon erklungen. Sie ist allerdings nicht englischen Ursprungs sondern stammt aus einer Choralsammlung des deutschen Kirchenmusikers Friedrich Filitz. Er hat nicht nur Lieder gesammelt, sondern trat auch mit Schriften zur Erneuerung der Kirchenmusik aus dem Geist der Tradition hervor.

„Herr, dich loben die Geschöpfe“ – für Franz von Assisi kann der Horizont des vielstimmigen Gotteslobes gar nicht weit genug gefasst werden: von den Gestirnen (Strophen 1 und 2) bis zu den sterblichen Menschen (Strophe 5), von den Elementen der Natur (Strophen 2 bis 4: Luft, Wasser, Feuer und Erde) bis zu „Raum und Zeit“ (Strophe 1), den von Kurt Rose neu hinzugefügten Koordinaten allen Lebens in Gottes Schöpfung. Die innere Zuordnung, ja Verwandtschaft alles Geschaffenen kommt zum Ausdruck durch die familiäre Anrede als „Schwester“ und „Bruder“, in stimmiger Abwechslung von „frate“ (Bruder) und „sora“ (Schwester), was in der deutschen Übertragung freilich so nicht möglich ist. Im Italienischen ist nämlich die Sonne männlich (frate sole) und der Mond weiblich (sora luna), in der deutschen Sprache ist es umgekehrt.

Die poetisch-liedhafte Umformung des Sonnengesangs stammt von Kurt Rose (1908–1999), der als Autor, Lehrer und Übersetzer gearbeitet hat. Äußerer Anlass war 1991/92 eine Ausschreibung der Gesangbuchkommission für das Reformierte Gesangbuch der Schweiz. Rose behält den originalen Spannungsbogen des Sonnengesangs bei und überträgt die preisenden Gedanken des heiligen Franziskus fast wortgetreu. Durch eine Art poetischer Raffung hat er seine recht wörtliche Übertragung von ursprünglich neun Strophen auf fünf Strophen gekürzt.

Aus vielen Quellen speist sich dieses Lied. Entscheidend ist, dass am Ende alles zusammenpasst in dieser Vertonung des berühmtesten Gebets des heiligen Franziskus, zu dem es unzählige „Echos“ in Literatur, Bildender Kunst und Musik gibt. Der berühmte Sonnengesang erinnert an die von Gott gewollte Einheit seiner guten Schöpfung, die vom Auftrag zu ihrer Bewahrung niemals zu trennen ist. Die kraftvolle Melodie bringt einen hymnisch-anglikanischen Akzent ins Gotteslob. Vor allem aber unterstützt sie die Botschaft, deren Quintessenz am Ende jeder Strophe refrainartig erklingt: „Alle Schöpfung lobt den Herrn.“

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